Ich erinnere mich noch gut an diesen Anfang. An das Gefühl, als Jesus zum ersten Mal spürbar in mein Leben trat. Es war wie ein Rausch, eine alles umarmende Liebe, die mein Herz bis zum Rand füllte. Plötzlich war da jemand, der mich verstand, der mich ganz und gar kannte und trotzdem liebte. Ein Gefühl wie frisch verliebt sein, nur tiefer, existenzieller.
Aber ich muss ehrlich sein: Neben all dieser Wärme war da auch eine grosse Unklarheit. Es war wie ein Glas Wasser, das man gerade mit frischem Quellwasser aufgefüllt hat, aber der ganze Schlamm vom Boden wird erst einmal aufgewirbelt. Das Wasser war da, das Leben war da, aber die Sicht war trüb.
All die alten Gewohnheiten, die Sorgen, die festgefahrenen Denkweisen – sie waren noch da und schwammen wie Partikel in diesem neuen Lebenswasser. Ich wollte diese Klarheit, von der in der Bibel die Rede ist, aber mein Alltag fühlte sich oft noch genauso chaotisch an wie vorher.
Als das Wasser noch trüb war
Diese anfängliche Phase war eine Zeit der Zerrissenheit. Auf der einen Seite diese unbändige Freude und Dankbarkeit, dass Gott sich mir zugewandt hat. Auf der anderen Seite die frustrierende Erkenntnis, dass sich mein Charakter nicht über Nacht verändert hat. Da waren immer noch die Ungeduld im Stau, das schnelle Urteil über einen Kollegen oder die abendliche Flucht vor den eigenen Gedanken in irgendwelche Ablenkungen.
Es fühlte sich an wie ein ständiger Kampf. Ein Teil von mir wollte auf diesem neuen Weg gehen, der andere Teil wurde immer wieder von den alten, ausgetretenen Pfaden angezogen. Und mit jedem Rückfall, mit jedem Moment, in dem ich wieder nach meinen alten Mustern handelte, wurde das Wasser in meinem Glas wieder ein Stück trüber.
Die Lüge, die sich in solchen Momenten einschleicht, ist leise, aber giftig: „Siehst du? Du schaffst es nicht. Das mit Gott ist vielleicht doch nichts für dich. Du bist nicht gut genug.“ Und genau hier liegt die erste grosse Weichenstellung. Gibt man dieser Lüge nach oder hält man an der Wahrheit fest, dass Gott auch im trüben Wasser schon längst bei einem ist?
Wie das Glas langsam klarer wird
Die Klarheit kam nicht durch einen einzigen, grossen Willensakt. Sie kam nicht, weil ich mich „mehr angestrengt“ habe. Sie schlich sich langsam in mein Leben, fast unbemerkt, durch kleine, alltägliche Entscheidungen.
Ich begann, mehrmals am Tag kurze, innige Gespräche mit Gott zu führen. Keine grossen, formellen Gebete, sondern ein einfacher Satz im Auto: „Jesus, hilf mir, jetzt geduldig zu sein.“ Ein kurzes Danke am Schreibtisch für eine gelungene Arbeit. Ein Seufzer am Abend: „Herr, dieser Tag war schwer, bitte nimm du die Last.“ Es war der Versuch, die Verbindung zu halten, den Draht nicht abreissen zu lassen.
Dazu kam das Lesen in der Bibel. Nicht mehr als Pflichtübung, um ein Pensum zu erfüllen, sondern als Suche nach seiner Stimme. Manchmal las ich nur einen einzigen Vers, der mich aber durch den ganzen Tag trug. Es war, als würde Gott mir einen Kompass in die Hand geben, eine Richtung für meine Gedanken.
Wandelt euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. (Römer 12,2)
Mit jedem dieser kleinen Momente floss ein Tropfen klares Wasser in mein Glas. Jesus selbst hat die Partikel nicht einfach weggeschnippt, sondern er hat das trübe Wasser langsam durch seine Gegenwart verdünnt. Nicht meine Kraft, sondern sein beständiges Fliessen hat die Veränderung gebracht. Meine einzige Aufgabe war, den Hahn immer wieder ein kleines Stück weit aufzudrehen.
Die Gefahr, sich wieder ablenken zu lassen
Der Alltag ist ein Meister der Ablenkung. Kaum hat man das Gefühl, das Wasser wird etwas klarer, kommt eine Welle von aussen, die alles wieder aufwirbelt. Ein Streit in der Familie, Druck bei der Arbeit, eine beunruhigende Nachricht in der Zeitung. Und sofort sind die alten Sorgen, die alten Ängste wieder voll präsent.
Die Kunst besteht darin, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Es ist normal, dass das Leben passiert. Die Frage ist nicht, ob Stürme kommen, sondern wo unser Anker liegt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, alle Probleme selbst zu lösen, die Kontrolle zu behalten und mich in Gedankenspiralen zu verstricken.
In diesen Momenten muss ich mich bewusst entscheiden, den Blick wieder zu heben. Zurück zu dem, was wirklich trägt. Manchmal bedeutet das, einfach für fünf Minuten still zu sein und zu sagen: „Gott, ich weiss gerade nicht weiter. Aber du weisst es.“ Es ist ein ständiges Zurückkehren, ein sanftes, aber bestimmtes Neuausrichten des Herzens.
Diese Beständigkeit ist vielleicht die grösste Herausforderung und gleichzeitig der grösste Segen. Sie formt unseren Charakter tiefer als jeder einzelne geistliche Höhenflug es je könnte.
Ihn überall sehen lernen
Je klarer das Wasser in meinem Inneren wurde, desto mehr veränderte sich mein Blick auf die Welt ausserhalb. Ich begann, Gott nicht mehr nur in den dafür vorgesehenen „frommen“ Momenten zu suchen, sondern ihn überall zu entdecken.
Ich sehe ihn in der unerwarteten Freundlichkeit der Kassiererin im Supermarkt. Ich sehe ihn im Lachen meiner Kinder. Ich sehe ihn in der unglaublichen Ordnung eines Tannenwaldes nach einem Regenschauer. Seine Handschrift ist überall, wenn man nur lernt, sie zu lesen.
Diese Übung, ihn überall zu sehen, hat alles verändert. Denn was man sucht, das prägt das Denken. Wenn ich aktiv nach dem Guten, nach seiner Gegenwart Ausschau halte, haben die negativen Dinge, die ich sowieso nicht ändern kann, weniger Macht über mich. Sie sind immer noch da, aber sie verschlingen mich nicht mehr.
Wenn man den Schöpfer im Geschaffenen erkennt, beginnt man, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Und unweigerlich wird man ihm dadurch ähnlicher. Man fängt an, das Gute im Kopf zu haben, das Positive zu suchen und aus dieser Haltung heraus zu handeln.
Das ist für mich der eigentliche Sinn des Lebens. Gott zu finden, ihm für das unverdiente Geschenk des Lebens zu danken und durch diese Beziehung so verwandelt zu werden, dass man am Ende als eine gute, gereinigte Seele zu ihm heimkehren kann.
Es ist kein Abschluss, kein Ziel, das man einmal erreicht. Es ist ein täglicher Weg. Ein Weg, auf dem das Wasser in meinem Glas mal klarer und mal trüber ist. Aber ich weiss jetzt: Er ist immer da. Und sein Licht scheint auch durch das trübste Wasser.
