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Glaube

Egoismus statt Glaube: Ist das Ich der neue Gott?

Wir haben alles, und doch fehlt uns das Wichtigste. Unsere Gesellschaft tanzt um ein neues goldenes Kalb: das eigene Ich. Doch der Weg nach Hause ist ein anderer.

Von Damian Maxson · 24. September 2026
Egoismus statt Glaube: Ist das Ich der neue Gott?

Kürzlich sass ich mit einem guten Freund zusammen. Wir sprachen über dies und das, über die Arbeit, die Familie, die Sorgen, die uns umtreiben. Irgendwann sagte er einen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging: «Eigentlich haben wir doch alles, oder? Und trotzdem fühlt es sich an, als ob wir auf der Stelle treten.» Dieser Satz hallt in mir nach, weil er eine tiefe Wahrheit unserer westlichen Welt auf den Punkt bringt. Wir leben in einem Überfluss, von dem unsere Vorfahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Wir haben Möglichkeiten, Freiheiten und einen materiellen Wohlstand, der historisch einmalig ist. Und doch macht sich eine seltsame Leere breit, eine unerklärliche Unruhe, eine tiefe Sehnsucht nach «mehr».

Ich beobachte das überall. In den perfekt inszenierten Lebensläufen auf beruflichen Netzwerken, in den Hochglanz-Fassaden der sozialen Medien, im unermüdlichen Streben nach Selbstoptimierung. Das grosse Projekt unserer Zeit scheint das «Ich» zu sein. Wir polieren es, wir hegen es, wir stellen es ins Zentrum. Wir sind die Kuratoren unserer eigenen kleinen Ausstellung, die Hauptdarsteller in unserem eigenen Film. Das Ich ist zum Mass aller Dinge geworden, vielleicht sogar zu einer Art Gottheit, die wir anbeten. Doch diese Gottheit ist ein unersättlicher Tyrann. Sie flüstert uns ständig ein, dass wir nicht genug sind, nicht erfolgreich genug, nicht glücklich genug, nicht genug.

Das Paradoxe ist: Diese nagende Unzufriedenheit scheint in den Teilen der Welt, die materiell viel weniger besitzen, oft eine geringere Rolle zu spielen. Das ist keine Verherrlichung von Armut, beileibe nicht. Es ist eine Beobachtung des Herzens. Wo der Mangel alltäglich ist, scheint der Blick für das Wesentliche geschärfter zu sein. Vielleicht weil man dort nicht der Illusion erliegt, man könnte sich sein Heil selbst zusammenbauen.

Ein bekanntes Muster

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir unweigerlich eine alte Geschichte in den Sinn. Sie steht in der Bibel. Das Volk Israel war gerade aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden. Ein unfassbarer Akt der Befreiung durch Gott. Sie waren auf dem Weg in ein verheissenes Land, in eine Zukunft in Freiheit. Doch als ihr Anführer Mose auf einem Berg war, um Gottes Weisungen zu empfangen, wurden sie ungeduldig. Die Stille und das Warten waren für sie unerträglich.

Sie hatten Angst. Sie wollten etwas Greifbares, etwas Sichtbares, etwas, das sie kontrollieren konnten. Also sammelten sie all ihr Gold und gossen sich ein Kalb. Ein Idol. Einen Gott nach ihrem eigenen Bild, geschaffen von ihren eigenen Händen. Sie tanzten darum, sie feierten es. Sie ersetzten den lebendigen, unsichtbaren Gott, der sie befreit hatte, durch ein totes Stück Metall. Die Folge war tragisch: Sie irrten vierzig Jahre durch die Wüste. Ein ganzes Leben auf der Suche nach einem Zuhause, das sie schon fast erreicht hatten.

Sehen wir die Parallele? Wir leben auch in einer Zeit beispielloser Freiheit. Und auch wir werden ungeduldig mit der Stille. Wir ertragen es kaum, nicht die Kontrolle zu haben. Also erschaffen wir unsere eigenen Götter. Sie sind nicht aus Gold, aber sie sind nicht weniger real. Es sind die Götter des Erfolgs, des Ansehens, der Selbstverwirklichung und des persönlichen Glücks. Im Zentrum all dieser Götter steht das goldene Kalb des eigenen Ichs. Und das Resultat? Wir irren umher. In einer Wüste aus Angst, Burnout, Einsamkeit und der ständigen Jagd nach dem nächsten Kick, der uns für einen Moment vergessen lässt, wie verloren wir uns fühlen.

Was mir dabei aufgefallen ist

Ich erinnere mich an eine Reise in ein Land in Südostasien vor vielen Jahren. Ich war in einem kleinen Dorf, weit weg von den Touristenströmen. Die Menschen dort besassen fast nichts, gemessen an unseren Standards. Ihre Hütten waren einfach, ihr Essen bescheiden. Aber was ich dort erlebte, war eine Freude und eine Herzlichkeit, die mich tief beschämte. Ich sah einen Glauben, der nicht nur am Sonntag in der Kirche stattfand, sondern das ganze Leben durchdrang.

Ihr Vertrauen auf Gott war keine auserzählte Theorie, es war ihre tägliche Realität. Sie wussten, dass sie nicht die Schöpfer ihres eigenen Schicksals waren. Ihre leeren Hände machten sie offen für den, der allein geben kann. Ich sage nicht, dass ihr Leben einfach war. Aber es hatte einen Anker, ein Zentrum, das nicht sie selbst waren. Das gab ihnen eine Würde und eine Hoffnung, die all unser Wohlstand oft nicht zu erzeugen vermag. Es ist, als ob unsere vollen Hände und vollen Terminkalender gar keinen Platz mehr lassen für Gott.

Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Lukas 19,10

Diese Erfahrung hat meinen Blick auf unsere eigene Gesellschaft für immer verändert. Wir sind so damit beschäftigt, unsere eigenen kleinen Königreiche zu bauen, dass wir den wahren König aus den Augen verlieren. Den, der uns nicht mit leeren Versprechungen abspeist, sondern uns wirklich nach Hause bringen will.

Wenn Religion den Blick verstellt

Jetzt kommt aber der entscheidende Punkt. Viele Menschen bei uns wenden sich nicht von Gott ab, weil sie ihn bewusst ablehnen. Sie wenden sich ab, weil sie von dem, was sie als «Religion» wahrnehmen, abgestossen werden. Sie sehen starre Regeln, verstaubte Traditionen, Machtmissbrauch und eine selbstgerechte Haltung. Sie sehen Menschen, die Religion «betreiben», und verwechseln das mit dem, worum es wirklich geht.

Das ist die vielleicht grösste Tragödie von allen. Wenn die Kirche, die Konfession oder die christliche Kultur selbst zu einer Art goldenem Kalb wird. Einem System, das den Blick auf den lebendigen Jesus Christus verstellt, anstatt ihn freizumachen. Jesus selbst hatte seine grössten Auseinandersetzungen nicht mit den Sündern und den Verlorenen, sondern mit der religiösen Elite seiner Zeit. Mit denen, die dachten, sie hätten Gott in ihre Gesetzesboxen gesperrt und wüssten genau, wie er zu sein hat.

Die Botschaft von Jesus war und ist revolutionär. Sie sprengt die Grenzen von Konfessionen und menschlichen Systemen. Es geht nicht darum, einer bestimmten Gruppe anzugehören oder eine Liste von Regeln abzuhaken. Es geht darum, einer Person zu begegnen. Jesus Christus.

Es geht um die eine, gute Botschaft

Das Evangelium, das Wort klingt für viele alt und fremd. Aber es bedeutet schlicht: die gute Botschaft. Und diese Botschaft ist erstaunlich einfach. Gott hat diese Welt nicht geschaffen, damit wir uns im Kreis um uns selbst drehen, bis wir erschöpft zusammenbrechen. Er hat sie geschaffen, um Gemeinschaft mit uns zu haben. Um uns an sein Herz zu ziehen. Um uns sicher nach Hause zu bringen.

Unser Egoismus, unser Drang, selbst Gott zu sein, hat eine Kluft zwischen uns und ihm geschaffen. Wir können diese Kluft aus eigener Kraft nicht überwinden. Kein Erfolg, keine Meditation, keine Selbstoptimierung kann das leisten. Deshalb hat Gott selbst die Brücke gebaut. Er ist in Jesus Christus Mensch geworden. Jesus hat nicht nur über den Weg geredet, er ist der Weg. Er kam nicht, um uns ein neues Regelwerk zu geben, sondern um uns das Leben zu geben.

Diese Botschaft ist keine Aufforderung, sich mehr anzustrengen. Im Gegenteil. Es ist eine Einladung, aufzuhören, sich abzustrampeln. Es ist die Einladung, das goldene Kalb des eigenen Ichs loszulassen und sich dem liebenden Vater zuzuwenden, der mit offenen Armen auf uns wartet. Es geht nicht um Religion, es geht um eine Beziehung.

Die Wahl liegt bei jedem von uns, jeden Tag. Wir können weiter um unsere Idole tanzen, in der Hoffnung, dass sie uns endlich das Glück geben, das sie versprechen. Oder wir können anhalten, uns umdrehen und auf die Stimme hören, die uns seit jeher ruft. Die Stimme des einen, der uns nicht nur befreit, sondern uns auch sicher nach Hause führt. Dieser Weg beginnt nicht mit einer grossen Leistung, sondern mit einem einfachen, ehrlichen Schritt auf ihn zu.

Das Buch zum Weiterlesen

Die Heimkehr deines Herzens

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