Manchmal sitze ich im Auto, fahre vielleicht ein paar Stundenkilometer zu schnell und werde geblitzt. Mein erster Gedanke ist Ärger. Über mich selbst, über die versteckte Kamera. Aber dann kommt oft ein zweiter Gedanke: Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass es diese Regel gibt. Und unzählige andere. Ich bin dankbar für einen Staat, in dem nicht das Recht des Stärkeren, des Schnelleren oder des Rücksichtsloseren gilt.
Wir leben in der Schweiz in einem unglaublichen Frieden und einer unfassbaren Ordnung. Wir können uns darauf verlassen, dass Verträge meistens eingehalten werden, dass die Ampel auf Grün schaltet und dass wir nachts sicher schlafen können. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis eines Rechtsstaates, einer Gesellschaft, die sich auf gemeinsame Spielregeln geeinigt hat, um das Chaos des Faustrechts zu bändigen. Dafür können wir nicht dankbar genug sein.
Und doch nagt da manchmal ein Gefühl an mir. Ein leiser Verdacht, der lauter wird, je genauer ich hinschaue. Das Gefühl, dass die Spielregeln zwar für alle gelten, aber nicht von allen gemacht wurden.
Was mir dabei aufgefallen ist
Ich habe mit Menschen gesprochen, die jahrelang Prozesse geführt haben. Kleine Handwerker gegen riesige Konzerne. Sie hatten recht, das wussten alle, aber sie bekamen kein Recht. Weil der Gegner mehr Geld für bessere Anwälte hatte, weil er das Verfahren so lange hinauszögern konnte, bis dem Kleinen die Luft und das Geld ausging. Recht haben und Recht bekommen sind zwei Paar Schuhe. Das habe ich auf die harte Tour gelernt.
Wir haben in der Schweiz ein geniales System. Die direkte Demokratie, die zwei Kammern, die Suche nach dem Konsens – das ist ein Segen. Es gibt uns Bürgern eine Stimme, die man anderswo auf der Welt vergeblich sucht. Und trotzdem: Wenn eine Abstimmung ansteht, sehe ich die riesigen Plakate der finanzstarken Verbände, die aufwändigen Kampagnen, die gekauften Inserate. Die Schlacht um die öffentliche Meinung wird oft mit Geld gewonnen.
Es ist ein ständiges Schieben und Drücken im Bundeshaus. Man nennt es Lobby-Arbeit. Es klingt harmlos, aber oft bedeutet es, dass Interessengruppen mit viel Geld und Einfluss Gesetze so formen, dass sie ihnen nützen. Und am Ende halten wir uns alle an Regeln, die vielleicht nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern den Interessen einer kleinen, aber lauten und potenten Minderheit. Die Grossen scheinen sich immer irgendwie aus der Schlinge ziehen zu können, während die Kleinen im Netz hängen bleiben.
Und dann kam der Moment
Diese Erkenntnis kann bitter machen. Zynisch sogar. Man sieht die Ungerechtigkeit, die feinen Risse im Fundament unseres so wunderbaren Landes, und man fühlt sich ohnmächtig. Man möchte schreien über die Ungerechtigkeit, dass Geld und Macht oft mehr zählen als Wahrheit und Anstand. Man sieht, wie Konzerne Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren, und man fragt sich, für wie dumm die uns eigentlich verkaufen.
Die Bibel ist voll von solchen Beobachtungen. Die Propheten des Alten Testaments waren keine sanften Prediger, sondern Männer, die mit dem Finger in die Wunde der Gesellschaft legten. Sie sahen genau hin, wo das Recht gebeugt wurde.
„Weh denen, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die Unheil schreiben, um die Sache der Geringen zu beugen und das Recht der Elenden in meinem Volk zu rauben, dass die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden!“ (Jesaja 10,1-2)
Diese Worte sind Tausende von Jahren alt und klingen doch, als wären sie für die Zeitung von heute Morgen geschrieben. Das zeigt mir: Das Problem ist nicht das System allein. Das Problem ist das menschliche Herz. Die Gier, der Egoismus, der Drang, sich selbst auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen.
Wo also liegt die Hoffnung?
Wenn das Problem so tief sitzt, kann die Lösung nicht einfach eine weitere Gesetzesänderung oder eine neue Partei sein. Versteh mich nicht falsch, ich bin froh um jeden integren Politiker und jede kluge Initiative. Wir sollen und müssen uns einbringen, wo wir können. Aber meine tiefste Hoffnung liegt nicht im Bundeshaus in Bern.
Meine Hoffnung hat einen Namen: Jesus Christus. Er kam als der Kleine, der Unscheinbare. Geboren in einem Stall, nicht in einem Palast. Aufgewachsen als Sohn eines Zimmermanns. Er hatte keine politische Macht, keine Armee, keine Lobby. Seine einzigen Waffen waren die Wahrheit und die Liebe.
Er wurde selbst ein Opfer eines korrupten Rechtssystems. Falsche Zeugen, ein voreingenommener Richter, ein aufgehetzter Mob. Er erlitt das grösste Unrecht der Weltgeschichte. Und genau dort, am Kreuz, hat er die Macht der Ungerechtigkeit gebrochen. Nicht, indem er eine Revolution anzettelte, sondern indem er das Unrecht auf sich nahm und es mit Vergebung beantwortete.
Christus in meinem Rechtsstaat
Was bedeutet das für mich, hier und heute, in der reichen und geordneten Schweiz? Es bedeutet, dass ich frei bin. Frei von dem Zwang, das System retten zu müssen. Meine Aufgabe ist es nicht, das Paradies auf Erden zu errichten. Das wird erst Jesus tun, wenn er wiederkommt.
Aber ich bin auch frei von Zynismus und Resignation. Weil ich weiss, dass es eine höhere Gerechtigkeit gibt. Einen Richter, der nicht auf das Bankkonto oder den Titel schaut, sondern ins Herz. Diese Gewissheit gibt mir eine unglaubliche Ruhe und Kraft.
Und sie gibt mir einen Auftrag. Den Auftrag, dort ein Licht zu sein, wo ich bin. In meiner Familie, bei meiner Arbeit, in meiner Nachbarschaft. Wir sind als Christen gerufen, kleine Oasen der Gerechtigkeit und Gnade zu schaffen. Orte, an denen nicht das Recht des Stärkeren gilt, sondern die Liebe zum Nächsten. Das ist die Art, wie sich die Kleinen wehren: nicht mit denselben Waffen der Macht und des Geldes, sondern mit den Waffen des Geistes. Mit Freundlichkeit, mit Integrität, mit Gebet, mit Grosszügigkeit.
Ich bezahle meine Bussen immer noch nicht gerne. Aber ich versuche, sie als Erinnerung zu sehen. Als Erinnerung daran, dankbar zu sein für die Ordnung, in der ich leben darf. Und als Erinnerung daran, dass meine wahre Heimat und meine letzte Hoffnung nicht in dieser Ordnung liegen, sondern bei dem, der gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Johannes 14,6). Und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
