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Kinder Gottes in Ausbildung: Wie du täglich wächst und das Gute wählst

Zwei Menschen, ein Moment. Der eine sieht nur Schatten, der andere das Licht. Unsere Wahrnehmung ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung, die wir täglich trainieren können.

Von Damian Maxson · 10. September 2026
Kinder Gottes in Ausbildung: Wie du täglich wächst und das Gute wählst

Ich kannte einmal zwei Männer, die im selben Büro arbeiteten. Der eine, nennen wir ihn Thomas, kam jeden Morgen mit einem Seufzer zur Tür herein. Das Wetter war zu nass oder zu heiss, der Kaffee zu dünn, die Aufgaben zu viele. Er sah die Arbeit als eine Last, die er zu schleppen hatte, und seine Gespräche drehten sich oft um das, was wieder einmal nicht funktionierte.

Sein Kollege, David, sass nur wenige Meter entfernt. Er erlebte dieselben nassen Montage, trank denselben Kaffee und stand vor denselben Aufgabenbergen. Doch wenn man David fragte, wie es ihm ging, erzählte er von dem interessanten Gespräch mit einem Kunden am Vortag oder von dem einen Sonnenstrahl, der gerade durch die Wolken brach. Er sah die Möglichkeit, etwas zu gestalten, wo Thomas nur Mühe sah.

Beide lebten in derselben Wirklichkeit. Aber sie sahen sie durch eine völlig andere Brille. Das hat mich lange beschäftigt. Es ist nicht so, dass der eine Recht hatte und der andere nicht. Die Probleme, die Thomas sah, waren real. Aber Davids Blick war auf etwas anderes ausgerichtet. Und diese Ausrichtung veränderte alles.

Woher kommt dieser graue Schleier?

Ich kenne diesen grauen Schleier nur zu gut aus meinem eigenen Leben. Es gibt Tage, da wache ich auf und das Glas ist nicht nur halb leer, es scheint einen Riss zu haben und langsam auszulaufen. Eine kleine Unannehmlichkeit am Morgen – verschütteter Kaffee, eine unliebsame Nachricht – kann ausreichen, um den ganzen Tag in ein trübes Licht zu tauchen. Plötzlich scheint alles mühsam, die Menschen anstrengend, die Zukunft unsicher.

Ich glaube, diese Neigung zum Negativen ist uns tief eingeprägt. Es ist eine Art Grundeinstellung, die uns vor Gefahren und Enttäuschungen bewahren soll. Wenn wir vom Schlimmsten ausgehen, können wir nicht mehr überrascht werden. So die Theorie. Doch in der Praxis führt dieser ständige Fokus auf das Mangelhafte zu einem Zustand des inneren Jammers. Wir werden zu Experten für Probleme und verlernen die Fähigkeit, das Gute überhaupt noch wahrzunehmen.

Diese negative Brille wird mit der Zeit dicker und dunkler. Je mehr wir uns auf das Schlechte konzentrieren, desto mehr Schlechtes fällt uns auf. Es ist ein Teufelskreis. Wir nähren das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Wenn unsere Gedanken ständig um Sorgen, Ängste und das Versagen anderer kreisen, wird unser Herz schwer und verbittert. Wir sehen die Welt nicht mehr, wie sie ist, sondern wie wir sind: müde und entmutigt.

Die tägliche Entscheidung für das Licht

Aus diesem Kreislauf auszubrechen, geschieht nicht von allein. Es ist eine bewusste, tägliche Übung. So wie ein Sportler seine Muskeln trainiert, müssen wir unseren Wahrnehmungsmuskel trainieren. Es ist eine Entscheidung, die ich jeden Morgen neu treffen muss: Worauf richte ich heute meinen Blick? Auf die Steine im Weg oder auf die kleinen Blumen, die am Wegrand wachsen?

Für mich beginnt dieser Richtungswechsel im Gebet. Nicht mit einer langen Liste von Bitten, sondern mit Dank. Ich versuche, den Tag damit zu beginnen, Gottes Güte in meinem Leben zu benennen. Manchmal sind es grosse Dinge, oft aber nur kleine: der Geruch von frischer Luft, die Stille des Morgens, die Tatsache, dass ich überhaupt aufwachen durfte. Dieser Akt der Dankbarkeit justiert meinen Kompass für den Tag.

Die Bibel gibt uns hier einen klaren Auftrag, der alles andere als eine leere Floskel ist. Er ist eine konkrete Anweisung für unsere Gedanken.

Schliesslich, Brüder und Schwestern: Was immer wahr ist, was immer ehrbar, was immer gerecht, was immer rein, was immer liebenswert, was immer einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! Philipper 4,8

Das bedeutet nicht, das Schwierige zu ignorieren oder Probleme schönzureden. Das wäre unehrlich. Es bedeutet, dem Guten bewusst mehr Gewicht zu geben. Statt in der Mittagspause über den Chef zu klagen, kann ich einen Kollegen fragen, was ihm in letzter Zeit Freude gemacht hat. Statt mich über den Verkehr zu ärgern, kann ich die Zeit nutzen, um für meine Familie zu beten. Es sind kleine Weichenstellungen, die über den Tag verteilt eine enorme Wirkung entfalten.

Wenn der Filter zerbricht

Manchmal ist der graue Schleier aber mehr als nur eine schlechte Angewohnheit. Manchmal wird er zu einer undurchdringlichen, schweren Decke, die einem die Luft zum Atmen nimmt. Es gibt Zustände der Seele, in denen die Dunkelheit so übermächtig wird, dass der eigene Wille nicht mehr ausreicht, um das Licht zu wählen. Die Welt erscheint dann nicht nur negativ, sondern feindselig und bedrohlich. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben.

Ich habe Menschen begleitet, die an diesem Punkt waren. Wo jeder gut gemeinte Ratschlag, doch einfach positiver zu denken, wie Hohn klingt. In solchen Momenten ist die Seele krank, so wie auch der Körper krank werden kann. Und eine kranke Seele braucht Hilfe, die über ein Gebet oder einen starken Willen hinausgeht. Zu glauben, man müsse das allein mit seinem Glauben schaffen, ist ein gefährlicher Hochmut.

Es ist kein Zeichen von geistlicher Schwäche, sich professionelle Hilfe bei einem Therapeuten oder Arzt zu suchen. Im Gegenteil: Es ist ein Zeichen von Demut und Weisheit, anzuerkennen, dass man an seine Grenzen gestossen ist. Gott hat uns nicht nur sein Wort gegeben, sondern auch Menschen mit Gaben und Wissen ausgestattet, die uns helfen können, wieder heil zu werden. Manchmal ist ein Medikament eine Brücke, die Gott baut, damit wir überhaupt wieder in die Lage versetzt werden, seine Hand zu ergreifen.

Die Brille des Himmels aufsetzen

Als Kinder Gottes sind wir in einer lebenslangen Ausbildung. Unser Ziel ist es nicht einfach, „positiv zu denken“. Unser Ziel ist es, die Welt immer mehr mit den Augen unseres Vaters im Himmel zu sehen. Das verändert alles. Es ist der Unterschied zwischen Optimismus und christlicher Hoffnung.

Optimismus hofft, dass die Dinge schon irgendwie gut ausgehen werden. Hoffnung aber gründet sich auf die Gewissheit, dass Jesus Christus den Tod besiegt hat und das letzte Wort hat. Diese Hoffnung leugnet nicht das Leid und die Dunkelheit der Welt. Sie sieht sie. Aber sie sieht hindurch auf die kommende Herrlichkeit und auf den Gott, der selbst im grössten Schmerz gegenwärtig ist.

Wenn ich lerne, die Welt durch diese Brille der Erlösung zu betrachten, bekommt alles eine neue Tiefe. Ein schwieriges Gespräch ist nicht mehr nur eine Bedrohung, sondern eine Chance für Gnade. Ein persönliches Versagen ist nicht das Ende, sondern ein Ort, an dem ich die Vergebung Christi neu erfahren darf. Die Schönheit eines Sonnenuntergangs ist nicht nur ein netter Anblick, sondern ein flüchtiger Gruss meines Schöpfers.

Wir werden diese Ausbildung nie ganz abschliessen, solange wir auf dieser Erde sind. Es wird immer wieder Tage geben, an denen uns die alte, graue Brille auf die Nase rutscht. Aber wir sind nicht allein darin. Christus selbst ist in uns und erneuert unseren Blick Tag für Tag, wenn wir es zulassen. Er hilft uns, das Gute zu wählen, weil Er selbst das Gute ist.

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