Als ich das erste Mal kubanischen Boden betrat, war mein erster Gedanke: Nichts wie weg hier. Ich war erschüttert. Völlig unvorbereitet traf mich die Realität eines Landes, das sechzig Jahre politischer und wirtschaftlicher Blockaden gezeichnet hatten.
Alles schien im Zerfall begriffen. Die prachtvollen Kolonialbauten Havannas waren nur noch blätternde Hüllen ihrer selbst. Überall sah ich die Spuren des Stillstands, eine Schwere, die über der ganzen Insel zu liegen schien. Es war das erste Mal, dass ich mit eigenen Augen sah, was ein kommunistisches System im Alltag für die Menschen bedeutet. Lange Schlangen vor fast leeren Geschäften. Eine Infrastruktur, die mich an die ärmsten Länder Afrikas erinnerte.
Selbst als Tourist warst du gebrandmarkt. Man spürte die unsichtbare Trennung, die künstliche Welt, die für Besucher geschaffen wurde. Doch selbst diese konnte den allgegenwärtigen Mangel nicht verbergen. Ich war gefangen in meinem eigenen Urteil, sah nur das Kaputte, das Schwierige, das Negative. Ich verstand die Welt nicht mehr und wollte nur noch zurück in meine geordnete Schweiz.
Die erzwungene Rückkehr
Ich wäre wohl nie wieder nach Kuba geflogen. Doch das Leben hatte einen anderen Plan. Meine Lebenspartnerin, die Frau, mit der ich mein Leben teilen will, stammt von dort. Die Liebe zwang mich also zur Rückkehr. Ein zweites Mal reiste ich dorthin, diesmal nicht als Tourist, sondern als Teil einer Familie.
Ich reiste mit Widerstand im Herzen an. Ich erwartete wieder die Last, den Mangel und die Trostlosigkeit. Ich wappnete mich für die Schwierigkeiten, die ich kannte. Doch weil ich bleiben musste, weil ich nicht einfach fliehen konnte, begann ich, genauer hinzusehen. Ich musste.
Und dann sah ich die Menschen
Dieser zweite Blick veränderte alles. Weil mein Fokus nicht mehr auf den zerfallenden Fassaden und der mangelhaften Versorgung lag, bemerkte ich plötzlich die Menschen. Ich sah nicht mehr nur, was sie nicht hatten, sondern wie sie mit dem umgingen, was sie hatten. Ich sah, wie sie lebten.
Und sie lebten! Sie sassen auf der Türschwelle, redeten miteinander, lachten aus vollem Hals. Kinder spielten auf der Strasse mit einfachsten Dingen, aber strahlten eine unbändige Freude aus. Musik drang aus den Häusern. Es war ein Bild, das in krassem Gegensatz zu meinem ersten Eindruck stand. Diese Menschen, die in meinen Augen nichts besassen, schienen reicher zu sein als viele Menschen bei uns in Europa.
In der Schweiz und in Europa spüre ich oft einen ständigen Druck. Den Druck, mehr zu leisten, mehr zu haben, mitzuhalten. Ein unaufhörlicher Stress, der die Menschen müde und oft unglücklich macht. Auf Kuba sah ich das Gegenteil. Nicht, dass es dort keinen Stress gäbe – ihr Alltag ist ein ständiger Kampf. Doch sie hatten eine Lebensfreude, eine Fähigkeit, den Moment zu geniessen, die ich bei uns oft vermisse. Sie haben gelernt, mit dem Minimum zu leben, aber das Maximum an Leben daraus zu schöpfen.
Was wirklich zählt
Seltsamerweise war es Kuba, das mich lehrte, mit weniger zufrieden zu sein. Dieser krasse Kontrast zwischen materiellem Mangel und menschlicher Fülle deckte eine Lüge in meinem eigenen Leben auf. Die Lüge, dass Glück und Zufriedenheit von äusseren Umständen, von Besitz oder von einem reibungslosen Alltag abhängen.
Ich erkannte, worum es im Kern geht: um den Menschen, um Beziehungen, um die Gemeinschaft. Wenn alles wegbricht, was uns ablenkt und was wir für selbstverständlich halten, dann zeigt sich, was wirklich trägt. Die Kubaner wissen, was Grundversorgung bedeutet. Aber sie wissen auch, dass die Versorgung der Seele nicht in den Geschäften zu finden ist.
Diese Erfahrung hat meinen Glauben vertieft. Sie hat mich demütig gemacht. Manchmal muss Gott uns vielleicht in eine Situation führen, die uns schockiert und herausfordert, damit wir die wesentlichen Dinge wiedererkennen können. Erst im Kontrast zur Dunkelheit erkennen wir das Licht. Erst im Mangel lernen wir die Fülle schätzen, die nicht von dieser Welt ist.
Allem bin ich gewachsen durch den, der mich stark macht. Philipper 4,13
Dieser Vers bekam für mich in Kuba ein Gesicht. Ich sah Menschen, die diese Wahrheit jeden Tag leben. Nicht weil sie besonders fromm sind, sondern weil das Leben sie dazu zwingt. Und darin liegt eine unglaubliche Stärke und Schönheit.
Heute reise ich gerne nach Kuba, obwohl die Lage sich seither eher noch verschlimmert hat. Aber ich sehe das Land jetzt mit anderen Augen. Ich sehe nicht mehr nur den Verfall, sondern die Widerstandskraft. Ich höre nicht mehr nur die Klagen, sondern auch das Lachen. Und ich werde daran erinnert, dass die grösste Freude oft dort zu finden ist, wo wir sie am wenigsten erwarten. Manchmal braucht es den Kontrast, damit die Dinge wieder zum Vorschein kommen.
