Der Boden bricht weg. So fühlt es sich an. Im einen Moment stehst du noch fest im Leben, im nächsten fällst du ins Nichts und findest keinen Halt mehr. Eine Diagnose. Ein Verrat. Eine Tür, die für immer zuschlägt.
Und in der ohrenbetäubenden Stille nach dem Aufprall steigt eine Frage auf, scharf und bitter. «Gott, wenn es dich gibt, warum?»
Das ist keine theoretische Frage für ein Theologieseminar. Es ist ein Schrei aus den Trümmern eines Herzens. Wenn du gut bist, wenn du allmächtig bist, warum hast du das nicht verhindert? Warum muss ich durch diese Hölle gehen?
Die Bibel ist kein stiller Ort
Früher dachte ich, Glaube bedeute, immer ein Lächeln und ein zuversichtliches Wort auf den Lippen zu haben. Dann wurde mein eigenes Leben erschüttert, und ich entdeckte, dass die Bibel ein viel ehrlicheres, ein viel wilderes Buch ist, als ich geahnt hatte.
Sie ist voller Menschen, die mit Gott hadern, die ihm ihren Schmerz ungeschminkt entgegenschleudern. Denk an Hiob, diesen Mann, der alles verliert. Er nickt nicht fromm und sagt: «Es ist Gottes Wille.» Er zerreisst seine Kleider, setzt sich in die Asche und fordert eine Antwort von Gott. Er klagt ihn an.
Und David? In den Psalmen erleben wir ihn an seinem verletzlichsten Punkt. Mal lobt er Gott aus überströmender Freude, und dann wieder schüttet er ihm seine ganze Verzweiflung vor die Füsse.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Psalm 22,2
Gott hat diese Schreie nicht aus seinem Buch gestrichen. Er hat sie für uns aufbewahrt. Für dich. Deine Klage hat einen Platz bei ihm.
Er war kein unbeteiligter Zuschauer
Ein oft gehörter, gut gemeinter Satz lautet: «Alles geschieht aus einem Grund.» Ich bin zur Überzeugung gekommen, dass dieser Satz oft mehr schadet als nützt. Er klingt, als würde Gott mit unseren Leben Schach spielen und dabei seine Bauern für ein höheres Ziel opfern.
Das ist aber nicht das Bild, das die Bibel von ihm zeichnet. Als Josef nach Jahren des Leids und der Ungerechtigkeit seine Brüder wiedersieht, sagt er einen entscheidenden Satz.
Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.
- Mose 50,20
Beachte, er sagt nicht, dass Gott das Böse verursacht hat. Aber Gott war mitten im Leid anwesend und hat auf ein Ziel hingewirkt, das anfangs unsichtbar war.
Oder denk an Martha und Maria nach dem Tod ihres Bruders Lazarus. Als Jesus ankommt, hält er ihnen nicht zuerst einen Vortrag über die Auferstehung. Der kürzeste Vers der Bibel berichtet schlicht: «Und Jesus weinte.» (Johannes 11,35). Der Schöpfer des Universums weint mit den Weinenden. Er bleibt in unserem Schmerz nicht fern. Er kommt ganz nah.
Was tun, wenn das Herz leer ist?
Aber was machst du, wenn sich Beten anfühlt wie Rufen in einen leeren Raum? Wenn Wut auf Gott das einzige Gefühl ist, das noch übrig ist?
Mein ehrlicher Rat: Dann sei wütend. Aber sei wütend vor Gott. Sag es ihm. Schrei ihn an, wenn es sein muss. Deine Beziehung zu ihm ist kein zerbrechliches Porzellan, das beim ersten ehrlichen Gefühlsausbruch zerspringt. Es ist ein Bund, mit seinem Blut besiegelt. Er hält deinen Schmerz, deinen Zweifel, deine Wut aus.
Es ist ein Missverständnis zu glauben, wir müssten zuerst unser Inneres aufräumen, bevor wir zu Gott kommen dürfen. Wir dürfen mit unserem Chaos kommen, mit unseren Scherben, mit unseren geballten Fäusten. Er ist kein Gott, der eine Leistung fordert, sondern ein Vater, der sich nach Beziehung sehnt, auch nach einer ringenden.
Manchmal ist das Geistlichste, was du tun kannst, einfach nur zu sagen: «Gott, ich habe keine Kraft mehr. Ich verstehe nichts. Aber ich bleibe hier. Ich lasse dich nicht los, auch wenn ich dich gerade nicht spüre.»
Der Gott, der mit uns leidet
Die letzte Antwort des Christentums auf die Frage nach dem Leid ist kein philosophischer Lehrsatz. Es ist eine Person an einem Kreuz.
Jesus selbst, der Sohn Gottes, hat den Abgrund des Menschseins erfahren. Er wurde verraten, missverstanden, verspottet und gefoltert. Am Kreuz hat er keine abgeklärten Weisheiten von sich gegeben. Er hat geschrien. Den Schrei, den David Jahrhunderte zuvor ausgestossen hatte, machte Jesus zu seinem eigenen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
In diesem Moment tiefster Finsternis ist Gott nicht auf dem Thron über dem Leid, sondern am Kreuz im Leid. Er erklärt das Leid nicht weg. Er nimmt es auf sich. Er geht hindurch. Für uns. Und mit uns.
Er hat uns kein Leben ohne Stürme versprochen. Aber er hat versprochen, mit uns im Boot zu sein.
Ich habe keine saubere Antwort, die alle losen Fäden deines Schmerzes ordentlich verknüpft. Wer das von sich behauptet, hat wahrscheinlich noch nie wirklich gelitten. Das Leben ist keine einfache Rechnung, die am Ende glatt aufgeht.
Nicht jedes «Warum» wird in diesem Leben beantwortet werden. Aber die Verheissung ist keine Antwort. Die Verheissung ist eine Gegenwart.
Jesus steht nicht an der Ziellinie und wartet, bis wir uns zusammengerafft haben. Er kommt mitten in die Trümmer. Er setzt sich zu uns in den Staub. Er hält unsere Hand, wenn uns die Worte fehlen. Und seine Anwesenheit ist die Hoffnung, die zu leuchten beginnt, selbst wenn die Nacht am dunkelsten ist.
