Man sitzt am Abend da, die Augen brennen, und man greift wieder nach genau dem, von dem man weiss: Morgen werde ich es bereuen. Es kann das Glas zu viel sein, der endlose Blick auf den Bildschirm oder der alte Groll gegen jemanden, der einem vor Jahren wehgetan hat.
Wir wissen es doch. Niemand muss uns einen Vortrag halten oder uns belehren. Der Verstand meldet sich leise, aber der Körper greift trotzdem zu.
Wir bilden uns gern ein, wir seien unsere Überzeugungen oder die Dinge, die wir besitzen. Doch das stimmt nicht. Wir sind das, was wir jeden Tag tun. Wenn unsere Tage gefüllt sind mit Nachlässigkeit, Bitterkeit und schnellen Trieben, dann wird unser ganzes Wesen bitter und zerrissen. Wenn wir verlässliche, stille, treue Handlungen einüben, formt das unsere Seele.
Warum die Natur gegen uns zu arbeiten scheint
Manchmal fühlt sich dieses Leben wie ein Tal der Tränen an, und man fragt sich, warum alles so mühsam eingerichtet ist. Unsere Biologie verlangt nach dem leichten Weg. Das Fleisch will Bequemlichkeit, sofortige Beruhigung, Flucht vor der Stille.
Wer rein aus seinen Trieben heraus lebt, stürzt unweigerlich ab. Die Naturgesetze dieser gefallenen Welt kennen kein Mitleid mit schwachen Vorsätzen. Man kann sich noch so oft vornehmen, morgen ein besserer Mensch zu sein; die Schwerkraft der alten Muster zieht einen wieder nach unten.
Der Apostel Paulus hat diesen Schmerz vor zweitausend Jahren auf den Punkt gebracht:
«Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.» (Römer 7,19)
Es ist eine bittere Selbsterkenntnis, aber sie ist wahr. Wer ehrlich in den Spiegel blickt, merkt schnell: Aus eigener Kraft dreht man sich nur im Kreis. Man wechselt vielleicht ein Laster gegen ein anderes aus, doch der Treiber bleibt derselbe Hunger nach Betäubung.
Ein Ausweg, der fast zu schlicht wirkt
Dahinter steckt jedoch keine Bosheit der Schöpfung, sondern eine Schule. Wir sind hier nicht hingesetzt worden, um als perfekte Wesen aus eigener Kraft zu glänzen. Diese Reibung, dieser Kampf gegen die eigene Schwachheit zwingt uns in die Knie. Er soll uns zeigen, dass wir Hilfe brauchen.
Der Vater im Himmel wartet nicht darauf, dass wir eine fehlerfreie Liste an guten Taten vorweisen. Er verlangt keine heroischen Leistungen, an denen wir doch nur zerbrechen würden. Er möchte, dass wir den Blick heben, uns an ihn wenden und lernen, dankbar zu sein.
Eigentlich ist es unbegreiflich einfach: Man lässt die eigene Faust los und nimmt an, was er schenken will. Vergebung, Ruhe, einen klaren Geist. Und doch gehen die meisten Menschen daran vorbei. Man rennt lieber weiter gegen dieselbe Wand, als die Tür zu benutzen, die sperrangelweit offen steht.
Was geschieht, wenn man wirklich stehen bleibt
Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ihr altes Leben zerschlagen haben, weil sie Jesus Christus ihr Vertrauen schenkten. Aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der diesen Schritt von ganzem Herzen getan hat und danach sagte: «Es geht mir schlechter als zuvor.» Keinen einzigen.
Was man allerdings sieht, sind Menschen, die nach den ersten Schritten wieder umkehren. Sie spüren den ersten Gegenwind, die alten Gelüste klopfen an der Tür, und schon geben sie auf. Ihnen fehlt der lange Atem. Sie wollten ein schnelles Wunder, aber keine Wandlung.
Wer aber bleibt, wacht in einer neuen Wirklichkeit auf. Die Welt um einen herum hat sich vielleicht nicht verändert, aber der Blick auf sie ist neu geworden. Man muss den eigenen Trieben nicht mehr gehorchen wie ein Hund an der Leine. Man bekommt Raum zum Atmen. Man lernt, Nein zu sagen zu Dingen, die das Herz vergiften.
Nicht weniger als die ganze Seele
Es geht hier nicht um ein paar Verhaltensregeln oder darum, im Alltag ein wenig ausgeglichener zu wirken. Es geht um die Entwicklung der Seele, die für die Ewigkeit gedacht ist. Das ist nichts Nebensächliches. Es ist der Grund, warum wir jeden Morgen die Augen aufschlagen.
Wenn wir jeden Tag weiter das tun, was uns zerstört, höhlen wir uns selbst aus. Doch wenn wir anfangen, uns jeden Morgen vor Gott zu beugen, ihm die eigene Unfähigkeit hinzulegen und die kleinen, richtigen Dinge zu tun, dann verändert sich der Boden, auf dem wir stehen.
Der Kampf hört nicht sofort auf. Aber man kämpft nicht mehr allein, und man kämpft nicht mehr für die eigene Zerstörung. Die Hand greift nicht mehr blindlings nach dem Gift, sondern tastet nach der Hand dessen, der einen heilt.
